Leseförderung an der BBG


PISA und andere Studien haben nachgewiesen, dass die Fähigkeit, Texte zu verstehen, ihnen Informationen zu entnehmen, ganz entscheidend für ein selbst-gesteuertes Leben als mündiger Bürger in dieser Gesellschaft ist. Menschen, denen sich die Bedeutung von informierenden Sachtexten und auch von fiktionaler Literatur verschließt, werden in vielen Situationen ihres Alltages eingeschränkt sein, ihr Leben nur begrenzt selbst bestimmen können.

Wenn es uns gelingt, den Schülerinnen und Schülern (SuS) Spaß am Lesen zu vermitteln, lassen sie sich sicherlich bereitwilliger auf die ‚Arbeit‘ mit Texten in der Schule ein. Die Leseförderung an der BBG verfolgt deshalb zwei Ziele:

- wir wollen durch verschiedene Projekte und Aktionen Spaß am Lesen vermitteln und

- den SuS darüber hinaus Methoden und Verfahren nahebringen, mit denen sie unterschiedlichste Texte angemessen verstehen können.

Dabei verstehen wir Lesen als eine konstruktiv schöpferische Tätigkeit des Lesers [1], d.h. der Leser erarbeitet sich seine Deutung des Textes im Laufe der Lektüre. Dabei beeinflussen ihn u.a. seine aktuelle Situation und seine persönliche Lesebiografie: liest er z.B. aus Interesse oder weil er diese Lektüre für den Unterricht lesen muss, wie steht er z.B. auf Grund seiner Erfahrungen zum Lesen an sich und was hat er bisher schon gelesen? Ziel ist es, eine Deutung des Textes zu finden, die sowohl dem Leser als auch dem Text selbst gerecht wird.

Oftmals empfinden SuS gerade beim Lesen in der Schule einen gewissen Widerstand, es macht ihnen einfach keinen Spaß, dieses oder jenes Buch zu lesen. Lesen in der Schule bedeutet Arbeit (interpretieren, analysieren, Lesemappen anlegen…), die zudem auch noch benotet wird. Weitere Gründe für die ablehnende Haltung können z.B. auch sein, dass der Text ein für die SuS uninteressantes Thema behandelt oder dass er auf Grund seines Alters oder seiner künstlerischen Gestaltung (z.B. Lyrik) nicht ganz einfach zu verstehen ist, sich einer einfachen Deutung verschließt. 

Immer wieder ist zu beobachten, dass Texte von Schülerinnen und Schülern in der SEK I und in der SEK II oftmals nur oberflächlich erfasst werden. Spontane Leseeindrücke und die erste Deutung des Textes werden oft nicht mehr hinterfragt. Dieses erste Textverständnis wird aber nur in den seltensten Fällen dem Text gerecht. Die SuS halten es dennoch aufrecht, selbst wenn eine ausführlichere Beschäftigung mit dem Text im Unterricht eigentlich zu anderen, tieferen Erkenntnissen führen müsste.

Ein Ziel unserer Leseförderungsmaßnahmen ist es deshalb, den SuS zu verdeutlichen, dass sie ihr erstes Textverständnis kritisch prüfen müssen (am Text und in der Auseinandersetzung mit dem Text) und dass sie es gegebenenfalls verändern müssen. Wir wollen den Schülerinnen und Schülern deutlich machen, dass sie bereit sein müssen, sich in Texte ‚zu verstricken‘, sie zu hinterfragen und sich nicht mit der erstbesten Deutung zufriedenzugeben.

Dieses Hinterfragen von Texten und Deutungen, diese kritische Auseinandersetzung mit dem Text erfordert den sicheren Umgang mit verschiedenen Verfahren und Methoden, die wir den SuS im Rahmen der Leseförderung auch nahebringen wollen. Dabei geht es nicht nur um die "klassische" Analyse von Texten, auch kreative und produktive Verfahren (z.B. szenisches Spiel, Standbild, Verfassen von Tagebucheinträgen etc.) eröffnen einen vertiefenden Zugang zu den Texten.

Die erste Begegnung mit dem jeweiligen Text, mit seiner konkrten literarischen Form und der in ihr geschaffenen fiktiven Wirklichkeit soll aber nicht unter einem Berg von rational-analytischen Verfahren begraben werden. Vielmehr geht es darum, den literarischen Text zu erfahren, zu erleben, in Bezug zur eigenen Person zu setzen und diesen Aspekt des literarischen Verstehens dann mit weiterführenden Verarbeitungs- und Analysemethoden zu verknüpfen.  

Ein Beispiel kann unsere Ansätze verdeutlichen:

In der Kurzgeschichte Das Brot von Wolfgang Borchert geht ein Mann nachts in die Küche und isst dort heimlich eine Scheibe Brot. Seine Frau ertappt ihn, tut jedoch so, als habe sie nichts bemerkt. Er bemerkt, dass sie ihn durchschaut hat, sagt aber auch nichts. Am nächsten Tag gibt sie ihm eine Scheibe Brot mehr.

Eine rein textbezogene (und auf dieser Ebene völlig angemessene) erste Deutung dieser Geschichte, die zu den Erfahrungen und zur aktuellen Lebenssituation vieler SuS passt, ist, dass der Mann eine Diät macht und sich deshalb schämt, beim Essen erwischt worden zu sein. Berücksichtigt man jedoch, dass die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstanden ist, zu einer Zeit also, zu der viele Menschen arm waren und nicht genug zu essen hatten, dann wird klar, dass diese erste Deutung nicht aufrecht erhalten bleiben kann, sie würde dem Text nicht gerecht. Auch erste Schülerurteile zum Verhalten der beiden („Die sind nicht ehrlich, lügen sich an, verheimlichen etwas. Die können nicht miteinander reden.“) müssen bei genauer Prüfung revidiert werden („Die macht das ja aus Rücksicht auf ihn.“). Werden die unterschiedlichen Verstehensweisen thematisiert, ermöglicht der Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der verschiedenen Deutungen ein dem Text adäquates Textverständnis mit Bezug auf die Persönlichkeit des Lesers. Außerdem können die  SchülerInnen ihr eigenens Verhalten in vergleichbaren Situationen (z.B. nicht ehrlich sein um jemandem zu helfen) kritisch reflektieren, d.h. ihnen werden "stellvertretende Erfahrungen" in der Auseinandersetzung mit Literatur ermöglicht.
 
Abschließend bleibt zu sagen, dass Lesen auch im schulischen Umfeld Spaß machen kann, wenn die Texte angemessen verstanden werden, d.h. wenn ihre Deutung zum Text und zum Leser passt. Hier schließt sich der Kreis: ausgehend vom Spaß, den Lesen (ohne ‚Schulstress‘) machen kann, versuchen wir die Bereitschaft zu wecken, sich in Texte zu verstricken und vermitteln die dazu notwendigen Fertigkeiten. Damit entwickeln die SuS die Fähigkeit, Texte angemessen zu verstehen und auf diese Weise kann sogar der Umgang mit schwierigen Texten im Unterricht Spaß machen. Literatur, so unsere Meinung, hat uns etwas zu sagen, wenn wir nur genau hinschauen (wollen und können).
 
An dieser Stelle kann und soll keine wissenschaftlich exakte Arbeit mit entsprechendem Literaturverzeichnis stehen. Viele Anregungen und Ideen kommen aus den alltäglichen Erfahrungen in der Praxis und aus unterschiedlichen Beiträgen aus Fachzeitschriften.
        
Als (wenn auch nicht ganz brandaktuelle) Lektüre zum Einstieg in das Thema bietet sich an:

Ortwin Beisbart, Ulrich Eisenbeiß, Gerhard Koß, Dieter Marenbach (Hg.), Leseförderung und Leseerziehung: Theorie und Praxis des Umgangs mit Büchern für junge Leser, Donauwörth, 1993.

Neuer und sehr aufschlussreich auch das Heft: "Praxis Deutsch", Nr. 176, November 2002, hier insbesondere der Basisartikel von Bettina Hurrelmann: Leseleistung - Lesekompetenz: Folgerungen aus PISA mit einem Plädoyer für ein didaktisches Konzept des Lesens als kultureller Praxis, S. 6 - 18.

  

Für die Fachkonferenz Deutsch:

Sylvia Schaffer, Bert Ventzki
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[1] Mit Leser ist immer auch die Leserin gemeint.